Grenzgemeinden

Mikrostudien zu Alltagsgeschichte, Politik und Erinnerung in europäischen Gesellschaften von 1945 bis zur Gegenwart (2005-Mai 2012)

Projektkoordination: Libora Oates-Indruchová (Wien)

Assoziierte ForscherInnen: Ulf Brunnbauer, Astrid M. Eckert, Roger Engelmann, Gabriela Ghindea, Friederike Kind-Kovács, Sabina Mihelj, Daniela Münkel, Alena Pfoser, Sagi Schaefer, Lavinia Stan, Tatiana Zhurzhenko.

Die Erfahrung der Europäer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist einerseits durch die kommunistische Herrschaft weiter Teile des Kontinents und andererseits durch die deshalb entstandene Trennlinie zwischen Ost und West geprägt. Besonders in den Regionen und Gebieten innerhalb oder zwischen den Grenzen der früheren 'Blöcke' wird diese Erfahrung wahrscheinlich am stärksten empfunden. Die geopolitischen Veränderungen, die im Zuge der Revolutionen von 1989 stattgefunden haben, waren in der Nähe dieser Staatsgrenzen besonders einschneidend. Auch die EU-Erweiterung und die damit einhergehenden neuen Grenzziehungen in Bezug auf die östlichen Nachbarn brachten neue Irritationen. Dieser historische Prozess und seine vielfältigen Darstellungen sind der Kern der Forschungsinteressen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit (LBI EGÖ) seit seiner Gründung im Jahr 2005. Um die zugrundeliegende transnationale Dynamik und ihre Folgen darzustellen, verbindet das Projekt "Grenzgemeinden" die Paradigmen der Alltagsgeschichte und des kollektiven Gedächtnisses.

Wenn die Bilder und Narrative des Eisernen Vorhangs für 'Trennung' stehen, so wird die europäische Integration mit 'Einheit' verbunden - einer Einheit über die Grenzen hinweg, die dazu führen soll, dass die alten Grenzen sich allmählich auflösen. Im Rahmen des Projekts 'Grenzgemeinden' untersucht das LBI EGÖ den strukturellen Mechanismus der Trennungen des Kalten Krieges sowie der europäischen Einheit oder ihrer 'Grenzenlosigkeit' mit Hilfe der Menschen, die an diesen Grenzen beheimatet sind. Dabei werden besonders die Gewohnheiten und Erinnerungen des Alltags in diesen grenznahen Regionen am ehemaligen Eisernen Vorhang sowie zwischen ehemaligen Ostblock-Staaten erforscht. Die folgenden Fragestellungen werden dabei untersucht:

  • Sind Grenzgemeinden Orte, an denen sich historische Spannungen und langfristiges Zusammenleben mit den „Anderen“ stärker manifestieren als anderswo?
  • Sind Vorstellungen und Wahrnehmungen von ethnischen, nationalen, politischen und religiösen Zugehörigkeiten an der Grenze oder im Landesinneren der untersuchten Länder stärker definiert?
  • Haben anti-kommunistische oder anti-kapitalistische Diskurse im Zeitraum zwischen 1948 und 1989 nachhaltige Auswirkungen auf die Konstruktion der historischen Wahrnehmung, der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der „Anderen“?
  • Wie hat sich die politische Umwälzung als Nachwirkung der Revolutionen von 1989 und des Übergangs zum Kapitalismus auf der lokalen Ebene dieser Grenzgemeinden abgespielt?
  • Haben die Entwicklungen nach 1989 und die Politik im Zusammenhang mit der Erweiterung der Europäischen Union dazu geführt, alte Spaltungen zu überwinden? Haben sie neue geschaffen?

Das Projekt ist in lokalen Fallstudien verankert, wobei jede dieser Studien sich mit einem Paar von benachbarten Gemeinden oder Städten, die durch eine Staatsgrenze innerhalb oder zwischen den ideologischen Blöcken von Ost und West getrennt oder geteilt wurden, befasst (siehe „Forschungsstandorte“). Die Studien stützen sich auf Oral History-Interviews sowie auf die Erforschung der lokalen Archive und Medien. Die Ergebnisse werden sowohl zum interdisziplinären Forschungsgebiet der Grenzstudien als auch zum größeren Verständnis von europäischer Zeitgeschichte und der Beziehung zwischen Alltag, politischen Diskursen und kollektivem Gedächtnis beitragen.

Die Forschungsarbeiten zu diesem Projekt sind jetzt abgeschlossen. Einige Publikationen (Schwerpunktausgaben in Zeitschriften und ein Herausgeberwerk) werden im Moment vorbereitet.

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