Holocaust- und Kommunismus-Erinnerung, 2006 bis 2008

In den Jahren 2006 bis 2008 wurde dieses Forschungsfeld im Rahmen des "European Research Fellowships" von den Österreichischen Lotterien gefördert.

 

Das Forschungsfeld unter der Leitung von Oliver Rathkolb wird vornehmlich entlang des Gegensatzes von offiziellen Geschichtspolitiken und kommunikativen Gedächtnissen strukturiert. In dieser Perspektive sind die offiziellen Geschichtspolitiken zumeist das Ergebnis legitimer Interventionen politisch-staatlicher Akteure, die auf Grund ihrer Machtpositionen bestimmte Versionen der Vergangenheit implementieren können. Geschichtspolitiken sind somit vor allem eingebettet in die Herrschaftsverhältnisse der politisch-staatlichen Akteure und wandeln sich mit ihnen.

Solche offiziellen Geschichtspolitiken bleiben aber nicht unwidersprochen; zumeist werden sie unterminiert oder auch unterlaufen von ihnen antagonistisch gegenüberstehenden Vorstellungen der Vergangenheit, die in den lebensweltlich orientierten Sphären der Gesellschaft, d.h. im kommunikativen Gedächtnis gebildet und tradiert werden. Im Rahmen des Forschungsfeldes sollen solche konflikthaften Verwerfungen nun im gesamteuropäischen Kontext im Hinblick auf den Holocaust ("Zivilisationsbruch Auschwitz") und die Phase der "kommunistischen Unterdrückung" erörtert und miteinander verglichen werden.

Dies ist insofern nicht unumstritten, als die genannten Diskurse bisher meistens getrennt geführt beziehungsweise nebeneinander verhandelt wurden. Der Versuch ihrer Kontextualisierung gründet auf der Überlegung, dass die Gedächtniszyklen von Holocaust und Erinnerung an die kommunistische Unterdrückung und die für sie konstitutiven Transformationen, erst in ihrer wechselseitigen Verschränkung den Blick auf transnationale Erinnerungsräume eröffnen. Solche transnationalen Erinnerungsräume sind essentielle Bausteine einer sich entwickelnden europäischen Öffentlichkeit. Die kritische Reflexion über die Spannung zwischen offiziellen und lebensweltlichen Gedächtnisräumen soll letztlich auch unter dem Gesichtspunkt geführt werden, die Voraussetzungen und Bedingungen eines zukünftigen, solidarischen europäischen Handelns besser als bisher zu verstehen.

Zentral für die Forschung ist also die Stimulierung und Intensivierung des Dialogs zwischen den verschiedenen "geschichtspolitischen" Forschungen zu Holocaust- und Kommunismus-Erinnerung in Europa, die Entwicklung eines Modells, das die Konjunkturen beider Erinnerungszyklen aufzunehmen vermag, sowie auch die Diskussion länderspezifischer Untersuchungen zu Holocaust- und Kommunismus-Erinnerung in einem weitläufigen europäischen Kontext als "Erinnerungscluster".